Der Produktdesigner Stefan Diez über neue Office-Architektur und alte Speichermedien – und darüber, warum das Thema Bewegung heute allgegenwärtig ist.

 

»Ob ›move your life‹ ein Thema für mich ist? Voll und ganz! Als Industriedesigner setzen wir uns immer mit Bewegung auseinander, die Welt verändert sich rasant. Nehmen Sie nur die Büroarchitektur. Sie hat sich grundlegend gewandelt. Durch den Wegfall riesiger Server-Blöcke lassen sich Arbeitsplätze freier, flexibler gestalten. Dem wird auch das Interior Design entsprechen. So ist gut vorstellbar, dass ein Bürostuhl zukünftig mehr als eine Funktion haben kann. Er passt sich an die Situationen, in denen er Verwendung findet, an. Hier nimmt Gestaltung keine Veränderungen vorweg. Sie reagiert auf Strömungen, die von technischen Entwicklungen in der IT-Branche ausgelöst wurden. Ich persönlich bin froh, dass wir uns mit unserer Arbeit in Atelier und Werkstatt stetig verändern. Als Vater von zwei Kindern ist es nicht leicht, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Wir haben es gut hinbekommen. Besonders stolz macht mich, dass wir nur Aufträge annehmen müssen, die wir auch wollen. Das ist etwas, das ich bestimmt nicht ändern will!«

»Eigentlich haben mich Stühle anfänglich nicht besonders interessiert.« Stefan Diez sitzt in der Galerie seines Ateliers am Münchner Glockenbach und erzählt, wie er zum Thema Stuhl gekommen ist. »Am Ende meines Studiums habe ich dann für ein paar Jahre bei dem Produktdesigner Konstantin Grcic gearbeitet. Da ist das Thema Möbel zu mir zurückgekehrt.« Zurückgekehrt, weil in Diez Familie bereits ein Schreinereibetrieb existiert – seit 170 Jahren. »Was meinen beruflichen Weg angeht, habe ich schon früh mit Holz und den Materialien gearbeitet, die es in der Werkstatt meines Vaters gab«, erzählt Stefan Diez heute. Anfang der Nullerjahre, als Diez zu Grcic ging, herrschte Aufbruchstimmung im Möbeldesign. Das Internet begann, seine Strahlkraft zu entfalten. Für die Etablierten waren digitale Fertigung und ›rapid prototyping‹ Fremdworte, für die Neue Generation eine große Chance. Was bisher nur in der Infrastruktur von großen Büros möglich war, schien auf einmal auch in kleinen Atelier- Strukturen möglich, und Diez machte sich selbstständig. Eine seiner ersten Arbeiten war ein Stuhl, dessen Beine und Lehne auf vollkommen neue Art unter dem Sitz zu einem Knoten zusammengeführt wurden.

»Als der Auftrag kam, haben wir uns erst einmal mit 200 Jahren Stuhlgeschichte auseinandergesetzt.« In seinem Atelier wirkt Stefan Diez wie ein freundlicher Felsen in einer Brandung aus den Geräuschen umherschwirrender Mitarbeiter. »Gute Unternehmen haben schon immer Produkte entworfen, die nicht nur fantastisch aussehen, sondern auf viele Weise neuartig sind – zum Beispiel, indem sie Holz auf eine neue Art verarbeiten, wie es damals Michael Thonet erfand.« Der Industriedesigner kann sich mit so einer Herangehensweise gut identifizieren: Er sei kein Koch, der sich nur für die erlesensten Zutaten und das teuerste Essen interessiere. Sondern einer, der sich Gedanken über die Zubereitung mache und versucht, daraus die Qualität zu schöpfen. »An Stühlen von Wagner interessiert mich, dass sie nicht ausschließlich über ihr Design, sondern über eine besondere Funktionalität erklärt werden – über ein Gummi-Stahl-Gelenk unterhalb des Sitzes, welches ein flexibles Sitzen ohne großen technischen Aufwand ermöglicht.« Diez ist der Ansicht, dass sich die Zeit der mechanisch- technoiden Sitzmaschinen in vielen Bereichen einem Ende zuneigt. »Bürostühle waren ja immer auch ein beliebtes Statussymbol in der Bürolandschaft. Seit Jahren aber werden Hierarchien flacher. Status definiert sich weniger am Einkommen sondern daran, wie abwechslungsreich und selbstbestimmt eine Tätigkeit ausfällt. Viele Menschen definieren ihre Identität zu einem großen Teil über ihren Beruf. So ist es nur eine logische Konsequenz, dass privates und berufliches Leben mehr und mehr ineinander übergehen und gar nicht mehr ohne Weiteres zu unterscheiden sind. Daher bewegen sich die Büroräume schon seit Jahren in eine wohnliche Richtung. Umgekehrt finden sich Arbeitsplätze zu Hause, die nicht wie solche aussehen.« Aus diesem Grund sei ein Stuhl, der seine Bürostuhlhaftigkeit dank einer kleinen, raffinierten aber hoch funktionalen Lösung ablegen kann, sehr zeitgemäß. Anders herum werde diese fast unsichtbare Funktion auch für Wohnräume interessant und formal akzeptabel.

Diez ist ein Mann der Ideen. Klar wird das in seinem Atelier: Es ist Werkstatt, Versuchslabor und Abenteuerspielplatz in einem. Überall stehen Auftragsarbeiten großer Firmen, denen man die Leidenschaft ansieht, mit der sie realisiert wurden, Stühle, Besteck und Töpfe, Garderoben, Regale, Taschen und Schmuck. »Wir mögen die Bewegung, das Provisorium, den Übergang. Wir streben nicht einen finalen Idealzustand an. Ich denke, unserem Atelier ist das anzusehen.«

Seine Erfinderwerkstatt am malerischen Glockenbach, seine vielfach prämierten Arbeiten und nicht zuletzt die Ehe mit der Schmuckdesignerin Saskia Diez haben Stefan Diez zum Shootingstar der deutschen Gestalterszene werden lassen. Wer ihm gegenübersitzt, kann einen freundlichen, unprätentiösen Menschen entdecken. Was findet Diez an Wagner sympathisch? Seit Moritz Wagner den Wirtshausstuhl erfand, habe jede Generation ihr eigenes Thema im Unternehmen gefunden. »Für Rainer und Peter Wagner ist es heute sicherlich das bewegte Sitzen.« Generell sei Identifikation mit zentralen Themen wichtig: »Es gab schon lange keinen Nullpunkt mehr in Deutschland, in Europa. Früher haben sich die Menschen regelmäßig ihre Errungenschaften gegenseitig kaputt gemacht. Heute sitzen wir auf einen Berg von Produkten, die teilweise Jahrzehnte alt sind, aber noch immer funktionieren. Aus diesem Grund muss sich ein neues Produkt heute stärker rechtfertigen, ersetzt es doch in der Regel ein altes. Es muss etwas anderem Platz machen. Aus diesem Bewusstsein der Verbraucher entsteht bei den Herstellern Verantwortung: Man braucht ein gutes Argument für ein neues Produkt.«

Verschmitzt schaut Diez nach unten. Auf einem Schreibtisch liegen drei Dondola-Gelenke. »Bei Wagner dreht sich alles um die Idee, wie auf einem Ball zu sitzen, ein Sitzen, das zur Bewegung in der Hüfte führt. Bei Wagner hat man es fertig gebracht, so eine Bewegung auf die Stuhltypologien zu übertragen – eine meiner Meinung nach starke Erfindung.« Alte Büros glichen Diez zufolge bisweilen Legebatterien. »Erst sind viele Speicherträger, die die Office-Architektur beeinflusst haben weggefallen. Dann hat man das offene Büro als Leitvorstellung gesehen, das informelle Arbeiten gefördert. Und schließlich hat sich auch der Schreibtisch verändert. Die Idee vom einfachen Küchentisch ist zur Metapher für den Office-Tisch geworden.« Auch das Sitzen sei nicht mehr so stark davon geprägt, dass man den ganzen Tag in ein und derselben Haltung vor einer Maschine Platz nähme. »Es ist leichter geworden, während der Arbeit aufzustehen, seinen Platz zu verändern. Auch aus diesem Grund werden die Stühle wieder einfacher, ›bewegtes‹ Sitzen wird ziemlich relevant.«

»Design hat die Rolle des Botschafters. Ich sende mit der Art und Weise, wie ich mich möbliere, einen Code.«, so der Designer zum Abschluss unseres Gesprächs. »Das Verlangen nach Status, nach teuren Dingen steht für uns nicht an erster Stelle. Sicher ist die Bezahlung der Arbeit wichtig, aber Selbstbestimmung hat eine höhere Priorität – und der Sinn hinter den Dingen ist vielleicht das Wichtigste.« Stefan Diez ist froh, mit seinen Ideen wachsen zu können – in all den Jahren hat er nur Arbeiten angenommen, die ihn auch wirklich interessierten. Zuletzt verabschiedet sich der Gestalter höflich, setzt einen Schweißhelm auf – und bringt ein paar Formen aus gefrästen Holzplatten in Bewegung. Unter dem Helm blitzt ein Lächeln auf, während das Licht des letzten Sommertages langsam verschwindet.

 

  

Stefan Diez

 

Stefan Diez, bei dessen Arbeiten Fertigung und Funktionalität im Mittelpunkt stehen, gehört zu den wichtigsten Industriedesignern unserer Zeit.

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